5. Schneckenknotenpunkt
Eines Abends, auf der Suche nach einem netten Ort zum Sitzen und etwas Slivo (kroatischer Pflaumenschnaps), landeten wir in einem Lokal in der Nähe der Post und der Geldwechselstube, also etwa dort, wo die Fußgängerzone beginnt. Nachdem wir uns hingesetzt hatten merkten wir schnell, daß es uns hier gefallen würde: Da hier eine Art Durchgang zum Hafen war, liefen sehr viele Leute dort entlang, und als wir uns die Leute etwas intensiver anschauten, nannte Michael, der von seinem Platz aus den besten Blick zur Straße hatte, den Ort spontan »Schneckenknotenpunkt« ;-)

Slivo war inzwischen unser bevorzugtes Getränk - falls man 50%-igen Pflaumenschnaps, der brennt wie Tabascosauce, überhaupt Getränk nennen kann. Der Preis für unseren Lieblingsschnaps war dort wohl der Niedrigste von ganz Rovinj, nämlich nur 5 Kuna, was zu dem Zeitpunkt umgerechnet etwa 1,40 DM war. Nachdem wir unsere erste Runde erhalten hatten, wußten wir auch, warum der Slivo hier so günstig war: Die Betreiber des Lokals versuchten wohl, die Stromkosten möglichst niedrig zu halten und hatten deshalb wahrscheinlich ihren Kühlschrank abgestellt. Jedenfalls war der Slivo ungefähr so warm wie die Blutspende eines Menschen mit 42 Grad Fieber. Der Geruch des verdunstenden Alkohols schlug einem schon entgegen, wenn man sich das Glas nur ansatzweise unter die Nase hielt, und beim Trinken mußte man drauf achtgeben, bloß nicht einzuatmen, weil man sonst aufgrund des Sauerstoffmangels und des Alkoholgehaltes der Luft ins Frühstadium eines Komas gefallen wäre.

Dvadeset i pet. Das stimmt schon so.
Wir beschlossen, es bei einer Runde zu belassen, und wollten zahlen. Vier mal fünf sind zwanzig, und weil es üblich ist, Trinkgeld zu geben, sagte Michael beim Zahlen: »dvadeset i pet« (25), und hielt der Kellnerin einen Fünfziger entgegen. Diese erwiderte, daß es lediglich 20 Kuna kosten würde, woraufhin Michael nochmal sagte: »Nein, das stimmt schon so.« Da ließ sich die Kellnerin natürlich nicht lange lumpen und steckte den Fünfziger ein, ohne uns Wechselgeld zurückzugeben. Michael bekam inzwischen schon große Augen, weil die Kellnerin anscheinend nicht verstanden hatte, daß sie nur 25 Kuna bekommen sollte und nicht etwa 50. Ich war innerlich am Lachen und äußerlich am Grinsen, während Michael wohl gleichzeitig lachte, sauer war und sich überlegte, was denn nun wirklich »25« auf kroatisch heißt. Die Kellnerin hingegen war sehr glücklich über ihr Trinkgeld, was ja umgerechnet immerhin 8,50 DM war, und meinte nun, uns in ein Gespräch verwickeln zu müssen indem sie fragte, wo wir herkommen. »Germany« sagte jemand, »Near Gütersloh and Bielefeld« ein anderer, »Langenberg«, erwiderte ein weiterer, und ich machte die Sache rund indem ich die Geste eines Schnapsglases machte und dazuwarf: »very small!«. Damit gab sich die Kellnerin zufrieden und ließ uns gehen.
Auf dem Weg nach Hause schimpfte Michael wie wild auf das Lokal, weil er sich inzwischen sicher war, daß sein »dvadeset i pet« auf kroatisch wirklich 25 heißt, während wir kaum laufen konnten und uns vor Lachen am Boden krümmten.
-Dirk